Wie alles begann: "Die Geschichte von Dubbi und Biele"

 

Was würden Sie tun, wenn Sie im Bahnhof eine hilflose Baby-Taube am Boden hocken sähen?
Ich war auch ratlos. An diesem Tag, im Juni 2009, ging mir durch den Kopf: „Der Reinigungsdienst wird das Tierchen in den Müll befördern.“.
Diese Vorstellung konnte ich nicht ertragen, und deshalb entschloss ich mich, das Täubchen mitzunehmen und in ein anständiges Taubenleben zu führen. Es trug bereits ein vollständiges Federkleid, durchzogen mit gelbem Flaum. Ich hatte keine Ahnung von Tauben und musste mir alles Wichtige im Internet erlesen.

 


Recherche im Internet


Zunächst Wasser geben, intuitiv eingeweichte Haferflocken, dann vorgeweichte Körner. Jungtauben sperren nicht, d.h., sie öffnen nicht hungrig ihr Schnäbelchen, sondern ich musste die weiche Nahrung mit einer Spritze (ohne Nadel natürlich) und Pinzette in den Schnabel geben, der jeweils mit 2 Fingern und sanfter „Gewalt“ geöffnet wurde. Und das 2 x täglich, bis der Kropf voll war.

Schnell nannten mein Mann und ich die Taube Dubbi. Sie schien sehr zufrieden, bekam zunächst ein Ersatznest in einem Pappkarton, später einen verschließbaren Tierkorb, den sie freiwillig zur Abenddämmerung aufsuchte (Marderschutz!). Innerhalb einer Woche wuchs sie so weit heran, dass sie eigenständig fressen konnte. Sie spazierte durch unseren Garten, erkundete alles Neue und sah irgendwie hässlich aus. Dubbi möge mir im nachhinein verzeihen, dass ich so rede, aber wir nannten unseren Pflegling manchmal Waldschrat, weil die Proportionen gar nicht zu stimmen schienen: Die Füße so groß, der Kopf so klein, der Schnabel zu groß. Trotzdem waren wir in dieses Tier verliebt, Dubbi war rührend zutraulich und anhänglich, wir fühlten uns wie Eltern.


Allmählich entwickelte sich alles nach dem Plan der Natur, das Gefieder wurde grau, die Proportionen stimmten, und die Taube begann zu kollern. Aha, ein Täuber!  ER lernte fliegen, mein Mann baute auf einem Pfosten ein Taubenhäuschen, das er gern annahm. Er war zu jeder Zeit frei zu bleiben oder zu fliegen. Lagen wir zur Mittagsruhe im Wohnzimmer, lag er im Einschlupf seines Häuschens und schaute zu uns durch die Terrassentür.



Weitere Tauben ziehen ein...

Mit seiner Geschlechtsreife entdeckte er andere Tauben, vorwiegend schwächelnde Brieftauben, die gern seine Gesellschaft suchten und sich bei uns „durchfraßen“. Wir hatten einen Durchgang von 14 Tauben, die ich jeweils trickreich einfing und an ihre Besitzer zurückgab.
Eine junge Täubin aus Bielefeld hatte sich offenbar so in Dubbi verliebt, dass sie, obwohl wir sie mit dem Auto zum Züchter zurückgebracht hatten, von Bielefeld nach Hamm zurückflog. In Absprache mit dem Züchter durfte sie bei uns bleiben, und von diesem Tag an gab es nur noch Dubbi und Biele (aus Bielefeld). Andere Tauben wurden von ihnen nicht mehr bei uns geduldet.

Wir hatten an diesem Paar unsere Freude. Gern nahmen die zwei gemeinsam ein Bad in der bereit gestellten Taubenwanne (Foto 2). Ihre Zärtlichkeit rührte uns, wenn sie sich z. B. gegenseitig die Nackenfedern zauselten. Die Menschen sollten sich ein Beispiel daran nehmen, die Welt sähe besser aus.  Dubbi und Biele akzeptierten ein vorgefertigtes Nest im Taubenhäuschen, und Biele legte regelmäßig 2 Eier, die ich immer gegen Attrappen austauschte. Der überaus anhängliche Dubbi landete morgens auf dem Fensterbrett, sobald er uns in der Küche rumoren hörte, und lugte neugierig und voller Lebenslust zu uns rein. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Seine Teilnahme erfüllte mich stets mit Glück.



Ein kurzes, aber wunderbares Taubenleben


Bis zum August 2012 währte diese Harmonie. Unser Taubenpaar befand sich wieder einmal auf Hochzeitsflug. Es kam vor, dass es dann ein oder zwei Nächte ausblieb. Dieses Mal hatte ich nach 2 Tagen ein ungutes Gefühl, ich sorgte mich. Ich wusste, im Umfeld lebt ein Sperberweibchen. Und ein verliebter Taubenbräutigam riskiert einen Flug vors Auto. Und wirklich kam am dritten Tag Biele allein zurück. Sie schien verstört, sie suchte Dubbi, er kam nicht mehr nach Hause.

Biele flog am nächsten Morgen fort. Wir haben auch sie nie wieder gesehen. In der Hoffnung, sie könne zu ihrem Züchter zurückgeflogen sein, nahm ich Kontakt mit ihm auf. Auch bei ihm ist sie nicht wieder gelandet. Mehr als eine Woche trauerte ich über meine beiden Schätzchen, vor allem die Ungewissheit nagte an mir. Meine Familie versuchte mich zu trösten: „ Dubbi und Biele hatten vielleicht ein kurzes, aber wunderbares, taubengerechtes Leben bei Euch.“ Ich hätte ihnen gern ein längeres Luxus-Taubenleben gegönnt.

Jutta Mir Haschemi-Röben